Solidarität auf unserer Demo


Bei der Demonstration am 30.08.2026 in Köln sind viele von euch zusammengekommen, um lautstark Aufklärung, Gerechtigkeit und Konsequenzen zu fordern.
Vor Ort gab es eindringliche und wichtige Redebeiträge: Julian, Pedros Partner, sprach zu den Anwesenden; zudem gab es eine Rede von „Sicherheit für alle“, eine Rede über Nejib Boubaker (verfasst von seiner Ex-Frau und Mitbewohnerin) sowie einen Beitrag des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener (BPE e.V.). Darüber hinaus sprachen der Arbeitskreis kritischer Jurist:innen und Schwester Dadarye Barry mit einer Rede über Ibrahima Barry.
Der große Zuspruch und die lautstarke Unterstützung haben gezeigt, dass wir nicht alleine sind und der Fall nicht leise ad acta gelegt werden kann. Danke an alle, die dabei waren, ihre Stimmen erhoben und Haltung gezeigt haben!
Journalistin Anke Bruns vom WDR hat in diesem Artikel über unsere Demo berichtet.

Redebeitrag von „Sicherheit für alle“

Wir sind von der Kampagne “Sicherheit für Alle”. Erst einmal vielen Dank an alle Unterstützer*innen und Genoss*innen von Pedro, die heute diese Demo organisiert haben und Pedro liebevoll, solidarisch und kämpferisch begleiten.

Mit der Kampagne “Sicherheit für Alle” haben wir uns zum Ziel gesetzt Sicherheit sozial zu verstehen, also: Das Menschen alles haben, um gut und sicher zu leben wie Wohnung, Geld, Gesundheitsversorgung, Aufenthaltstitel. Das bedeutet gleichzeitig auch die Überwachung und die Polizeischikane in unseren Vierteln zu beenden, weil sie uns unter Generalverdacht stellen, und dazu auch noch unser Geld benutzen, dass wir DRINGEND woanders brauchen. Konkret bedeutet das, dass wir in Kalk die Dauerüberwachung, das  tägliche Kontrollieren aufgrund des Aussehens und Razzien in Läden, Cafés und Kiosken beenden wollen. Deswegen bieten wir der Nachbarschaft aktiv Unterstützung bei Polizeigewalt an, haben eine Ansprechstelle im TONI Kalk, machen zusammen Workshops, wie wir solidarisch im Polizeikontakt sind und sicher da durchkommen.

Menschen, die Pedro lieben, haben Unterstützung gerufen – in dem Vertrauen, dass Pedro geholfen wird. Jetzt ist Pedro mit schweren Hirnverletzungen im Pflegeheim. Pedro war verletzlich – er war belastet – er brauchte Schutz und medizinische Fürsorge. Er brauchte Sicherheit. Seine Freund*innen haben Hilfe gerufen, weil sie sich um ihn gesorgt haben – und weil sie darauf vertraut haben, dass die Institutionen, die behaupten, für Sicherheit zu sorgen, dies auch tun. Auf der Suche nach Unterstützung und Beistand haben sie eine Gruppe prügelnder, fesselnder und beinahe tödlicher Menschen in Uniform bekommen.

Pedros Erfahrung mit massiver Polizeigewalt ist kein Einzelfall. Vor nicht einmal zwei Wochen schoss die Polizei in München auf den 14-jährigen Abdulkadir. Es ist völlig egal, was ein Mensch in der Hand hat – wir dürfen nicht normalisieren und akzeptieren, dass die Polizei auf Kinder schießt! Wir könnten euch von so vielen Leuten erzählen die ähnliche Situationen mit der Polizei nicht überlebt haben; Christy Schwundeck, Mohamed Lamine Dramé, Nelson, Oury Jalloh, Ante P., Jouzef Berditchevski und mehr als 400 weiteren Menschen. Sie alle haben ihr Leben durch Polizei und Gewahrsam verloren. All ihre Geschichten und Leben hätten es verdient gedacht und erzählt zu werden.

Wir dürfen und wir wollen nicht akzeptieren, dass die Polizei immer weiter und weiter ausgebaut wird: mehr Geld, mehr Personal, mehr Befugnisse. Und dann straffrei davon kommt, wenn sie unsere Freund*innen, Geschwister, Genoss*innen und Nachbar*innen prügeln oder töten.

Wir dürfen und wir wollen nicht normalisieren, dass für Waffen, Militär und Kriegstreiberei Sondervermögen in Milliardenhöhe eingerichtet werden. Und diejenigen sanktioniert, schikaniert und mit Repressionen überzogen werden, die sich dagegen wehren.

Wir dürfen und wir wollen nicht akzeptieren, dass Big-Tech-Unternehmen Millionen daran verdienen, dass wir in unseren Veedeln, auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder zur Schule, mit modernster KI-Software überwacht und unter Generalverdacht gestellt werden.

Sie sagen, all das würde uns Sicherheit bringen. Es tut das Gegenteil! Unsere Wälder brennen, unsere Nachbar*innen sterben in der Hitze, können sich Miete nicht mehr Leisten, können sich Essen nicht mehr leisten, kriegen Bezüge gestrichen, verlieren ihre Jobs. wir leben in Zeiten des größten Verlustes von Leben in der Menschheitsgeschichte und nichts, aber wirklich gar nichts, von dem, was sie uns als Sicherheit verkaufen bringt uns Sicherheit.

Es wird an genau den Stellen massiv das Geld weggekürzt, die für unsere Sicherheit besonders zentral sind:

– Psychotherapieplätze
– Gesundheits- und Vorsorgeuntersuchungen sowie Medikamente müssen mehr und mehr von uns selbst gezahlt werden
 – aus dem ohnehin schon knappen Bürgergeld ist eine noch knappere Grundsicherung geworden, die Menschen weiter in die Armut treibt
– Geflüchtete, die vor Krieg, Klima und Perspektivlosigkeit fliehen, für die die mächtigen in Europa verantwortlich sind, werden im Niedriglohnsektor ausgebeutet oder wieder abgeschoben. Anlaufstellen für Geflüchtete müssen ihre Angebote drastisch reduzieren, weil weniger Geld zur Verfügung steht.

– Kurz: Unsere sozialen Strukturen werden abgegraben, während die Kosten für Grundbedürfnisse wie Wohnen, Essen und Mobilität immer weiter höher werden.

Und da soll uns Polizei Sicherheit bringen?! Diejenigen, die uns aus der Wohnung zerren, wenn wir sie uns nicht mehr leisten können? Die unsere Nachbar*innen abschieben, weil sie einen falschen Pass haben? Diejenigen, die unsere Proteste kriminalisieren, wenn wir gegen Krieg laut werden? Die unsere Streiks brechen, wenn es den Arbeitgeber*innen zu viel wird? Die unsere Nachbar*innen einsperren, wenn sie kein Geld für essen haben und es sich anders besorgen müssen? Die Pedro ins Koma prügeln, wenn er Hilfe gebraucht hat. 

 Auf diese Sicherheit ist kein Verlass!

Wir sagen: bezahlbare Wohnungen, in denen wir bleiben können, würden uns Sicherheit bringen. Einkommen, die unsere Lebenshaltungskosten decken, würden uns Sicherheit bringen. Unkompliziert und zeitnah Termine bei Ärzt*innen und Therapeut*innen zu bekommen, würde uns Sicherheit bringen. Uns in Krisensituationen auf geschultes Fachpersonal verlassen zu können, würde uns Sicherheit bringen.

Wir können uns auf uns verlassen- denn gelebte Solidarität kann uns Sicherheit bringen! Es ist die Nachbarschaft, die uns schützt. Es sind die Menschen um uns herum im Veedel, die uns unterstützen, wenn wir nicht weiterkommen. In Köln organisiert sich das immer mehr! Bei Herkesin Meydani, bei Gemeinsam für Mülheim, im In-haus, beim GeKo Köln, bei Kalk solidarisch und im Stadtteilladen TONI und an vielen anderen Orten.

Für Pedro bedeuteten die angeblichen Sicherheitsinstanzen Unsicherheit. Leider können wir nicht rückgängig machen, was geschehen ist.  Aber was wir tun können, ist:

Pedros Familie, Freund*innen und Rechtsbeistände in ihrem Kampf um Gerechtigkeit unterstützen. Solidarische Netzwerke und Strukturen in unseren Veedeln aufbauen, in denen wir uns gegenseitig unterstützen, helfen und schützen können. Aufmerksam und kritisch bleiben, wenn wir Polizeimaßnahmen, Razzien und Personenkontrollen beobachten und ihnen zeigen: Wir sehen, was ihr tut! 

Für Pedro wäre ALLES besser gewesen, als der Einsatz der Polizei. Unsere Zentrale Forderung lautet deswegen: Jegliche Polizeiarbeit aus psychischen Notsituationen rauszuhalten! Wir brauchen unterstützende Expert*innen, die sich auskennen, deeskalieren und medizinisch geschult sind! Allein das verhindert, dass das, was Pedro und so vielen anderen passiert ist, wieder passieren wird.

Pedro hat Sicherheit verdient.
Wir alle haben Sicherheit verdient.
Nehmen wir’s selbst in die Hand und kämpfen für uns, unsere Nachbar*innen, im Veedel und in der ganzen Welt. Unsere Ressourcen für unser Wohlergehen: Sicherheit für Alle!

Redebeitrag über Nejib Boubaker

Diese Rede wurde uns von Brigitte, Ex-Frau und Mitbewohnerin von Nejib zur Verfügung gestellt. Zur Einordnung, wer Nejib ist, haben wir Informationen hinzugefügt. Diese sind kursiv gekennzeichnet.

Uns ist bekannt, dass Pedros Schicksal kein Einzelfall ist.
Nejib Bobaka lebte seit 1991 in Dortmund, war seit 1996 deutscher Staatsbürger, schwer gehbehindert und litt an Epilepsie. Nach mehreren Anfällen befand er sich am 14.03.2025 diesem Tag in einem psychischen und körperlichen Ausnahmezustand. Brigitte, seine Ex- Frau und Mitbewohnerin, rief den Rettungsdienst hinzu.

Als die Rettungskräfte ihn ins Krankenhaus bringen wollten, lehnte er dies ab. Er zog sich die Sauerstoffmaske ab, als die Ersthelfer ihm damit drohten, die Polizei hinzuzuziehen und weigerte sich vehement, sich mitnehmen zu lassen. So tauchte die Polizei mit mehreren Einsatzwagen am späteren Tatort auf. Mehrere Augenzeugen berichten, dass Nejib lose ein Messer in der Hand hielt, als er letztendlich an ein Auto gelehnt vor dem Haus stand. Ein Polizist habe sich dann seitlich genähert und einen tödlichen Schuss abgesetzt.

Die Polizei behauptete später, der gehbehinderte Nejib sei auf die Einsatzkräfte zugerannt, sodass von einem Polizisten der Bauchschuss abgegeben wurde, dem er kurz darauf erlag.

Brigitte fand hierzu eigene Worte für die Geschehnisse, für die es eigentlich keine Worte gibt. Diesen Text verlese ich nun in ihrem Namen:



Lieber Nejib, deine Seiten wurden zu früh geschlossen.

Ich stehe hier, alleine, und ringe mit jedem Satz. Mir fällt es immer noch schwer zu verstehen, warum du erschossen wurdest- eingefädelt durch die, die ich eigentlich zur Hilfe gerufen habe.
Heimat ist dort, wo man sich sicher fühlt. In den vielen Ländern Afrikas, durch die wir gefahren sind, fühlte ich mich mit dir immer sicher, obwohl einige Länder vom auswärtigen Amt als gefährlich eingestuft waren.

Vor unserer eigenen Haustüre, in einem rechtsstaatlichen und demokratischen Land wurdest du erschossen. Dadurch wurden unser Heimatgefühl und unser Vertrauen zu unserem Heimatland hochgradig beschädigt. Ich konnte genau diesen Vertrauensverlust in deinen Augen sehen, als ich dich ein letztes Mal festhielt und ich höre noch immer deine letzten Worte „die haben geschossen, es tut weh.“

Nejib war so vieles: Er war freiheitsliebend und begeisterter Motorradfahrer. Nejib war handwerklich und künstlerisch begabt und er war hilfsbereit, teilte seine vielen Begabungen voller Freude mit Menschen aus seinem Umfeld. Er arbeitete zum Beispiel ehrenamtlich bei der Tafel hier in Scharnhorst und half als Übersetzer zu vermitteln.

Nejib war kreativ, arbeitete voller Leidenschaft an immer neuen Ideen und setzte sie hingebungsvoll und mit viel Zeitaufwand um.

Nejib war der Typ Mann, der mit Fremden und Freunden ins Gespräch kam, während er auf seiner Bank vor unserem Haus saß. Eine Situation hat sich mir besonders eingeprägt und ist so bezeichnend für diesen wundersamen und bezaubernden Menschen: Nejib, wie er es schaffte genau dort zu tanzen- bei seiner Bank vor dem Haus- mit einem Glas Wein in der Hand.

Ich möchte zuerst die Nothelfer, die ich gerufen habe fragen:

Warum habt ihr nicht akzeptiert, dass Nejib nicht ins Krankenhaus wollte? Er hat laut geschrien, als er merkte, dass ihr sein Selbstbestimmungsrecht ignoriert. Auch meine Einwände („Er muss sich beruhigen, er muss erst eine rauchen!“) habt ihr nicht beachtet.
Warum habt ihr diesem kranken Menschen, der sich so eindeutig im Delirium befand, mit der Polizei gedroht?
Warum habt ihr nicht erkannt, dass sich Nejib in einem psychischen Ausnahmezustand befand und dass Reizbarkeit und verlangsamtes Denken eine direkte Folge der kurz zuvor erlittenen epileptischen Anfälle war?
Warum habt ihr der Polizei nicht erklärt, wie das Gehirn nach 3 epileptischen Anfällen beeinträchtigt ist. Warum habt ihr nicht deeskaliert?

Ich habe außerdem Fragen an die Polizei, die mir bis heute niemand beantwortet hat:

Warum wurde nicht deeskalierend gearbeitet? Ihr hattet eure Schusswaffe schon in der Hand, obwohl Nejib noch alleine im Haus war. Anstatt mit ihm zu reden habt ihr geschrien. Ihr habt ihn nicht in das Haus zurückgehen lassen, obwohl er dort Schutz suchen wollte. Der Schütze ist auf Nejib zugegangen, während dieser an einem Auto stand und sich festhielt.
Warum habt ihr uns, die helfen wollten, bedroht, mit Befehlen die ich nie vergessen werde: „Weg vom Mann! Gehen Sie aus der Schusslinie“

An das Innenministerium gerichtet frage ich:

Warum ist die Verwendung der Bodycams nicht verpflichtend für die Polizei? Es wurde eine Bodycam mitgeführt. Wieso wird angegeben, dass sie (in einer so herausfordernden Situation!) nicht eingeschaltet gewesen sein soll?
Warum darf ein Polizeisprecher, die eingesetzten polizeilichen Maßnahmen (hier den tödlichen Bauchschuss) legitimieren und damit die Schuldzuweisung in der Öffentlichkeit, aber auch vor Gericht, auf das Opfer lenken?

Ich frage den Staatsanwalt:

Warum wurde das Verfahren gegen den Polizisten, der den tödlichen Schuss abgegeben hat, nach so kurzer Zeit eingestellt?
Warum bleibt es ungestraft, dass die Polizei auf Körperregionen schießt, die nahezu den sicheren Tod bedeuten?

Niemand von uns, der auf der Straße war, hat sich von Nejib bedroht gefühlt, sondern von der Polizei. Ein schwerkranker und körperbehinderter, alter Mensch, desorientiert durch die Epilepsieanfälle, kämpft um sein Selbstbestimmungsrecht und seine Würde und wird nicht gehört. Schlimmer noch: Dieser hilflose Mensch wird durch die Polizei bedroht, dieser Mensch wird Opfer ihrer Machtansprüche.

Nach diesem Vorfall- inmitten von Trauer und dem Gefühl der Ohnmacht- haben wir uns um seine Beerdigung gekümmert. Doch Nejib, der seit 1991 hier in Dortmund lebte und seit 1996 Deutscher Bürger war, wurde nach 6-wöchiger Einlagerung seines Leichnams dennoch in sein Herkunftsland überführt, mit der Begründung, dass die Beerdigungskosten nicht der öffentlichen Kasse angelastet werden sollten.

Wir alle wissen, dass Nejibs Heimat Deutschland war und er auch hier bleiben wollte. Abschied nehmen ist ein Bedürfnis aller Lebewesen. Und weil ihr uns das verwährt habt, hatte niemand die Chance, sich von Nejib zu verabschieden. Wir haben keine kulturelle und ehrenvolle Gedenkstätte. Was uns bleibt sind Schmerz, Ungläubigkeit und Fragen.

Ana habek – Habibi Nejib

Justice for Nejib

Rest in Power